{"id":121,"date":"2023-02-05T10:49:22","date_gmt":"2023-02-05T10:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/jennert.com\/?p=121"},"modified":"2023-03-04T18:13:11","modified_gmt":"2023-03-04T18:13:11","slug":"inselkinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jennert.com\/?p=121","title":{"rendered":"Inselkinder"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Leseprobe:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fr\u00fchjahr 1989<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>D\u00fcnner Schnee grieselte durch die Luft. Im Februar hatte es schon Fr\u00fchlingstage gegeben, Sonne und Schneegl\u00f6ckchen sahen sich an, es war kurz vor Anbruch von etwas. Vielleicht weil der Schnee nicht wei\u00df war und hoffnungslos einsank in den Stra\u00dfenmatsch. Es war die Sonne, die l\u00e4nger blieb \u00fcber Tag und die Nachmittage bis in den Abend sichtbar machte. Die Stadt roch deutlich nach Kohle und Schwefel. Der beendete graue Monat wurde jedes Jahr wieder durch die Tatsache der Ferien farbig. Die n\u00e4chste Hoffnung waren die warmen Tage im Fr\u00fchjahr. Bald w\u00fcrde der Geruch des Flusses dazu kommen, der als breites dunkles Geschenkband um die Stadt lag. Breit und flach war die Havel und sicher nicht sauber, an ihren R\u00e4ndern flog Schaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfenbahnen und Busse waren das erste Mal nach drei Wochen wieder voll. Durch die Adern der \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel str\u00f6mten die Angestellten, die Verk\u00e4ufer, die Lehrer, die Sch\u00fcler, stiegen an den Haltestellen aus, sahen die bekannten L\u00e4den, in der Stra\u00dfe zum Nauener Tor hin schoben Verk\u00e4uferinnen mit Schneeschiebern den grauen Matsch bis an den Rand des B\u00fcrgersteiges. Unterbrochene Deiche, niedrig und na\u00df, s\u00e4umten in Abst\u00e4nden die Gehwege. Das Tor selbst, breith\u00fcftig mit zwei Kegelt\u00fcrmen, hatte die freundliche Farbe Ocker mit der Gem\u00fctlichkeit des nicht ganz Perfekten: Farbe und Putz fehlten an einigen Stellen. Nur die Stra\u00dfenbahn fuhr etwas quietschend hindurch, Trabbis plepperten im Kreisverkehr drumherum, vervollst\u00e4ndigt von brummenden Ladas, Wartburgs und einigen farblosen LKWs. Die bunt lackierten kamen aus Polen. Die Nachbarn im Osten konnten allem M\u00f6glichen noch eine attraktive Note geben. Der polnische Kosmetikladen am Beginn der Stra\u00dfe war immer voller Kunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wolken w\u00fcrden bleiben heute. Der Tag w\u00fcrde die Farbe tragen, die in Variationen von hell bis dunkel auf H\u00e4usern, Stra\u00dfen, D\u00e4chern, B\u00e4umen und Himmel lag: Grau.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fcler standen als eckiges Hufeisen auf dem Hof hinter der Schulmauer. Obwohl es keine f\u00fcnfzig Meter entfernt stand, war das breith\u00fcftige Tor vom Hof aus nicht mehr zu sehen. Die Blicke gingen in Richtung Turnhalle. Links neben der Fahnenstange stand der Direktor, daneben die Klasse 11B, links daneben ein Tisch mit Lautsprecher, links daneben der Sportlehrer, noch nicht im Trainingsanzug, denn der Appell war ein feierlicher Akt. Er trug B\u00fcgelfaltenhose mit hellblauem Anorak und hielt die Kabel, die im Eingang der Turnhalle verschwanden. Vor dem Tisch mit dem Lautsprecher standen M\u00e4nner in Armeeuniformen.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Mikrophon schallte die Stimme des Direktors: Der Appell ist er\u00f6ffnet und damit das neue Schulhalbjahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kam gleich zum Kern des Tages, heute war der erste M\u00e4rz, Tag der Nationalen Volksarmee. Deshalb, und das ist schon Tradition an unserer Schule, sagte er, hat das Lehrerkollektiv wieder Angeh\u00f6rige der Nationalen Volksarmee eingeladen, die einmal an unserer Einrichtung Sch\u00fcler waren. In den n\u00e4chsten beiden Stunden werden unsere G\u00e4ste in die einzelnen Klassen gehen, von ihrer Ausbildung und ihrem Beruf als Offizier erz\u00e4hlen und sich den Fragen der Sch\u00fcler stellen. Am Nachmittag wird es einzelne Arbeitsgruppen geben, denen je ein Offizier oder ein angehender Offizier vorsteht. Jeder Sch\u00fcler wird an einer Arbeitsgruppe teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Merles F\u00fc\u00dfe wurden kalt. Sie kannte dieses: Wird teilnehmen. Es gab keine Ausrede, die gut genug war, dem fernzubleiben. Auch wenn man nicht Offizier werden wollte. Um sieben Uhr drei\u00dfig begann&nbsp; der Fahnenappell, um elf Uhr drei\u00dfig&nbsp; ihr Unterricht. In drei Minuten w\u00fcrden die Sch\u00fcler gesungen haben: Br\u00fcder zur Sonne zur Freiheit. Ein M\u00e4nnerchor w\u00fcrde aus dem Lautsprecher schallen, so war das Singen auf der Stra\u00dfe hinter der Schulmauer laut genug zu h\u00f6ren. In drei Minuten w\u00fcrde Merle wieder nach Hause fahren, denn es lohnte nicht, vier Stunden lang auf ihren Unterricht zu warten. Wieder in der Schule w\u00fcrde sie zwei Stunden halten, die n\u00e4chsten vier am Nachmittag w\u00fcrden ausfallen f\u00fcr die Arbeitsgemeinschaften der Armeeangeh\u00f6rigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Offiziere war dicker als die anderen. Er nickte Merle zu und l\u00e4chelte etwas. Sie nickte zur\u00fcck. Vor f\u00fcnf Jahren waren sie in eine Klasse gegangen. Der Dicke war nie aufgefallen, er hatte nichts Besonderes, sein Weg in die Armee war seine hervorstechende Eigenschaft. Damit konnte er mehr als drei Dreien auf dem Zeugnis haben am Ende der zehnten Klasse und wurde trotzdem in die elfte \u00fcbernommen. Sch\u00fcler mit anderen Berufsw\u00fcnschen mu\u00dften so die Schule verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dicke l\u00e4chelte. Heute war er Vorbild, ein herausragendes Beispiel. Er stand vorn f\u00fcr diesen Satz: Solche Gr\u00f6\u00dfen hatte die Schule hervorgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machen Sie am Vormittag?<\/p>\n\n\n\n<p>Fahrenheit stand pl\u00f6tzlich hinter Merle und sprach gleich weiter: Ich habe in der zweiten und dritten Stunde frei, tun Sie mir die G\u00fcte an und gehen mit mir einen Kaffee trinken?<\/p>\n\n\n\n<p>Woher wissen Sie \u2011<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df es eben, und Sie wollen doch den Tag der Volksarmee w\u00fcrdig begehen? Erw\u00e4hnte ich schon, da\u00df ich Sie einlade?<\/p>\n\n\n\n<p>Noch w\u00fcrdiger geht es nicht, sagte Merle.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie r\u00fchrte in der Tasse und war froh, hier zu sitzen. Das M\u00f6belkaufhaus in der Klement-Gottwald-Stra\u00dfe hatte oben, mit langen Stores von den K\u00fcchen abgetrennt, ein kleines Caf\u00e9, das war nicht sch\u00f6n, daf\u00fcr warm, und niemand w\u00fcrde sie hier sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte Sie um etwas bitten, sagte Fahrenheit. Ich m\u00f6chte du sagen, aber Sie m\u00fcssen einverstanden sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit allen m\u00f6glichen Lehrern duzte sich Merle schon. Fahrenheit hatte lange gewartet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich. Warum nicht. Du.<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo, Merle.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sagte es mit einem schr\u00e4g gehaltenen Kopf und einem blinzelnden Auge. Aber er sagte es sehr weich und mit einer sch\u00f6nen Betonung auf dem M.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin Albrecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich dachte zuerst, es pa\u00dft nicht zu dir, diese Konsequenz, dieses Nichtlebenwollen. Aber eigentlich k\u00f6nnte es jeder tun.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Du warst nett, freundlich, h\u00f6flich, bis zum Schlu\u00df, dabei sa\u00df dieser Entschlu\u00df l\u00e4ngst in deinem Kopf. Um Hilfe hast du nich&nbsp; gebeten, du hast dein Leben beendet irgendwann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich k\u00f6nnte dich verfluchen! Den Dreck einfach anderen zu \u00fcberlassen! Was soll ich jetzt mit dieser Nachricht! Du gehst mich nichts mehr an. Das wolltest du doch, mich nichts mehr angehen. Immer sch\u00f6n in Reih und Glied bleiben, nicht heraustreten, nicht auffallen, nicht ehrlich sein m\u00fcssen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielleicht war ich ehrlicher als du, obwohl nicht immer ehrlich. Welches Ich? St\u00e4ndig war es gespalten in ein \u00e4u\u00dferes, ein inneres. Fast jeder hatte sein Gesellschafts-Ich und sein Nischen-Ich. Eines war DDR-B\u00fcrger, geschult und einheitlich funktionst\u00fcchtig als Schablone, das andere leuchtete als Profil mal mehr, meistens weniger durch. Ich suchte jedes Mal sofort nach dem Profil und machte den Fehler, die Schablonen gar nicht mehr zu sehen, weil sie mich langweilten. Ich \u00fcbersah deren Kanten und stie\u00df mich daran. Ich liebte und verachtete dich gleichzeitig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Vergangene, dachte ich, sei ich los. Ausatmen wollte ich k\u00f6nnen, durchatmen, neue Menschen sehen, Unbekannte, die nichts mit der alten Zeit zu tun h\u00e4tten, mit Umri\u00df und Profil aus einer einzigen Linie. Zu ihnen geh\u00f6rig wollte ich mich f\u00fchlen, neutral werden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Niemals werde ich neutral sein. Ich habe diese Vergangenheit, so wie du sie hattest. Was du nicht mehr hast, ist die Zukunft, die Chance. Ich kann hoffen, da\u00df sie f\u00fcr mich eine Chance ist. Obwohl sie schon Farben hat, Vergangenheitsfarben mit Symbol: Hammer, Zirkel, \u00c4hrenkranz auf schwarz, rot, gold.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bunt, nicht wahr. Ich m\u00f6chte das nicht tragen m\u00fcssen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leseprobe: Fr\u00fchjahr 1989 D\u00fcnner Schnee grieselte durch die Luft. Im Februar hatte es schon Fr\u00fchlingstage gegeben, Sonne und Schneegl\u00f6ckchen sahen sich an, es war kurz vor Anbruch von etwas. 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