{"id":119,"date":"2023-02-05T10:48:37","date_gmt":"2023-02-05T10:48:37","guid":{"rendered":"https:\/\/jennert.com\/?p=119"},"modified":"2023-03-04T18:15:42","modified_gmt":"2023-03-04T18:15:42","slug":"spiegelberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jennert.com\/?p=119","title":{"rendered":"Spiegelberg"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Alwine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frau, die Alwine hei\u00dft, sitzt auf einem Stuhl vor dem Fenster und sieht hinaus. Sie sieht nichts weiter als das immer heller werdende Nebelgrau des hereinbrechenden Tages. Eine der beiden Katzen miaut und springt vom Hof auf das Fensterbrett, sieht Alwine an und miaut wieder. Alwine regt sich nicht auf ihrem Stuhl. Sie sehen sich in die Augen, Alwine und die Katze.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich werde der Katze jetzt nichts zu fressen geben. Soll sie warten. Nie hab ich sie gekrault oder gestreichelt, geschweige denn hochgenommen. Ich gebe beiden zu fressen, deshalb kommen sie zu mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt m\u00f6chte ich beide H\u00e4nde in ihr Fell vergraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Alwine bleibt sitzen, die H\u00e4nde im Scho\u00df. Die Graue setzt sich zurecht, zieht Pfoten und Kopf ein, legt den Schwanz um die Tatzen und schlie\u00dft die Augen, die soeben noch wie Bernsteine im Fell sa\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber sind die Umrisse von den Stallgeb\u00e4uden nur zu ahnen, genauso der Misthaufen, die alte Schwengelpumpe und der gro\u00dfe Garten, in dem Herrmann dieses Jahr Kartoffeln angebaut hat, lange Reihen Kartoffeln bis hinten zum Graben.<\/p>\n\n\n\n<p>Herrmann liegt im Bett, im rechten, wo er immer liegt. Ich kann seine gleichm\u00e4\u00dfigen Atemz\u00fcge h\u00f6ren und bin froh, dass er schl\u00e4ft. Die Nacht war anstrengend. Das zweite Mal hat sein Herz solche Sachen gemacht, noch einmal und er wird ewig schlafen. Ich wei\u00df nicht, was besser ist f\u00fcr ihn, so leben, oder? Was f\u00fcr mich besser w\u00e4re, daran wage ich nicht zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haus ist so still, hier auf der Hofseite sind auch die Traktoren kaum zu h\u00f6ren. In der linken Seite vom Hof wohnten meine Eltern. Vor zehn Jahren starb Vater, vor drei Jahren Mutter. Ich hatte auch sie schon gepflegt. Und jetzt Herrmann, den ungeliebten Mann. Wie oft hab ich in den Jahren gegr\u00fcbelt, ob ich mich von ihm trennen sollte. Das Leben lief mir weg, ich bin ja v\u00f6llig versackt zwischen Arbeitengehen in der Kleinstadt, Arbeit auf dem Feld, Schweine und Kuh im Stall, Arbeit um die Tochter, die Eltern. Abends dann Herrmann. In diesen Momenten hab ich immer das Dorf geha\u00dft, was keine M\u00f6glichkeiten hatte, au\u00dfer Sonnabends tanzen zu gehen und jemanden wie ihn aus dem Nachbardorf kennenzulernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alwine sieht auf sein Bett. Seine rechte Hand liegt auf der Decke, die schwere braune Hand, hart und rissig, mit den nie ganz sauberen Fingern\u00e4geln.<\/p>\n\n\n\n<p>Er konnte ja zupacken, und ich sollte von Vater den Hof \u00fcbernehmen. Den Scheidungsgedanken hab ich nie ernsthaft zu Ende gedacht. Ganz allein wollte ich nicht sein, dann schon lieber er, Herrmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war immer froh, diese Hand nie so gesp\u00fcrt zu haben wie unsere Tochter beispielsweise, als sie noch klein war. Er hatte sie immer schon bei harmlosen Anl\u00e4ssen verpr\u00fcgelt. Und ich hab mich nicht sch\u00fctzend vor sie gestellt. Die Tochter war wie er, sollten sie es unter sich ausmachen. Jetzt wohnt sie eine Autostunde entfernt in einem anderen Dorf. Sie wollte nicht auf diesem Hof leben, obwohl Herrmann und ich ihr die Scheune ausgebaut h\u00e4tten, mit Bad und Heizung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie tief Herrmanns Augenh\u00f6hlen sind. Und die Falten darum. Er hat wie ich nur gearbeitet. Manchmal kam es mir vor, als wollten wir uns gegenseitig nur beweisen, dass wir es noch k\u00f6nnen: Arbeiten. Jetzt haben wir ein gutes Auto, etwas Gespartes, und der Tochter konnten wir ohne M\u00fche eine Hochzeit mit hundert G\u00e4sten ausrichten. Was ja auch sein muss. Und was nun? Das Einzige, was ich noch hab, liegt dort in diesem Bett. Schon ist es mir egal, dass ich ihn nicht liebe. Auch die Tochter liebe ich eigentlich nicht und w\u00fcrde sie doch gern hier in der N\u00e4he haben. Aber meine Tochter ist nicht mal gekommen, als es mir mit vierzig Fieber so schlecht ging. Herrmann war der Einzige. Was wenn er jetzt stirbt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denk nicht weiter. Wenn es soweit ist, wird es fr\u00fch genug sein, daran zu denken. Jetzt ist nur der Tag wichtig und die n\u00e4chste Nacht, die muss er \u00fcberstehen. Ich werd mich hinlegen m\u00fcssen, bevor der Arzt mit der Schwester mittags wiederkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Alwine die M\u00fcdigkeit bemerkt, kriecht ihr auch schon die K\u00e4lte von unten in den R\u00fccken. Im Schlafzimmer wird nicht geheizt. Hier ist nicht der Ort zum Sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Alwine sieht auf ihre H\u00e4nde im Scho\u00df. Rauh und faltig sehen sie aus, die Fingern\u00e4gel alle eingerissen. Das einzige Glatte &#8211; der Ehering. Glatt und stumpf.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher hab ich mit diesen Fingern Klavier gespielt. Was f\u00fcr ein Fr\u00fcher? Herrmann ertrug das Getinker, wie er es nannte, nicht. Ich ertrug nicht, dass er nur mit dem L\u00f6ffel essen konnte. Mit der Zeit haben wir uns angeglichen. Als ich schwanger war, da waren wir schon verheiratet, sind wir auch nicht mehr tanzen gegangen. Nat\u00fcrlich nicht. Auch nicht, als die Tochter gr\u00f6\u00dfer war und bei den Gro\u00dfeltern bleiben konnte. Es schickt sich nicht mehr, hab ich gesagt. Obwohl ich so gern getanzt hab. In Wahrheit hatte ich nur Angst, Paul zu treffen. Ihn hatte ich wirklich geliebt. Aber Paul hatte mal mich und mal andere und dann wieder mich. Es hat lange gedauert, bis ich von ihm geheilt war. Geheilt?<\/p>\n\n\n\n<p>Paul lebt jetzt zwei D\u00f6rfer weiter mit Elsbeth. Ausgerechnet Elsbeth. Sie liegen auch st\u00e4ndig im Zank miteinander. Von ihren drei Kindern lebt eins noch zu Hause. Ein Nachk\u00f6mmling, der Berti. Die T\u00f6chter studieren in Gro\u00dfst\u00e4dten. Darum beneide ich ihn. Um die T\u00f6chter.<\/p>\n\n\n\n<p>Alwine dreht die H\u00e4nde im Scho\u00df um und sieht auf die Innenfl\u00e4chen, aus deren Falten der Dreck nie ganz herausgeht, wie bei Herrmann. So \u00e4hnlich, wei\u00df sie, daf\u00fcr braucht sie schon lange keinen Spiegel mehr, sieht auch ihr Gesicht aus. Und die Haare grau, die Frisur die gleiche wie zu ihrer Hochzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Katze miaut wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn nur Herrmann noch eine Weile bleibt, Liebe oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Graue richtet Kopf und Ohren \u00fcber das Fensterbrett nach unten. Jetzt ist auch die zweite zu h\u00f6ren. Die Graue richtet sich auf, streckt den Buckel hoch und sieht Alwine durchs Fenster an. Noch einmal zeigt sie die Z\u00e4hne ohne Laut. Dann springt sie hinunter auf den Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>Alwine zieht den Morgenmantel \u00fcber der Brust zusammen., knotet den G\u00fcrtel neu und geht hin\u00fcber in die K\u00fcche. Sie schmiert Leberwurst auf eine \u00fcbriggebliebene Brotscheibe., schneidet diese klein und holt noch ein St\u00fcck Salami dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sollen die Katzen nicht auch mal was haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie geht aus der T\u00fcr, wo sie die Tiere sofort um die Beine hat, und streicht ihnen die Happen mit der Rechten vom Brett in den Napf. Als sie sich aufrichtet, trifft sie der erste Sonnenstrahl dieses Tages. Alwine hat nicht bemerkt, wie sich der Nebel aufl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt steht die Frau, die Alwine hei\u00dft, in der Linken noch das fettige Brett, so pl\u00f6tzlich ist es zu hell f\u00fcr ihre m\u00fcden Augen, also steht sie da und saugt gierig das Licht durch die geschlossenen Lider, w\u00e4hrend die Katzen \u00fcber dem Napf sitzen und nun eine der beiden zu schnurren beginnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alwine Die Frau, die Alwine hei\u00dft, sitzt auf einem Stuhl vor dem Fenster und sieht hinaus. Sie sieht nichts weiter als das immer heller werdende Nebelgrau des hereinbrechenden Tages. Eine der beiden Katzen miaut und springt vom Hof auf das Fensterbrett, sieht Alwine an und miaut wieder. Alwine regt sich nicht auf ihrem Stuhl. Sie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":375,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-119","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leseprobe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=119"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/119\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/375"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=119"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=119"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jennert.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=119"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}